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Reinlesen in Band 1:
Eine Gestalt mit wallendem Bart trat aus der engen Gasse heraus! Im letzten Moment ging Adrian hinter einer Litfaßsäule in Deckung. An Körpergröße war die Gestalt wahrlich nicht beängstigend. Vermutlich reichte sie Adrian gerade mal bis an die Schulter, obwohl Adrian eher zu den Kleinen in seiner Klasse gehörte. Außerdem war der bärtige Kerl alles andere als flink. Er ging gebeugt und müden Schrittes. Hose und Jacke waren in unauffälligem Braun gehalten. So spitz, wie sein grauer Bart nach unten zulief, war auch das Ende seiner Zipfelmütze, das ihm über die Schulter fiel. Ein überdimensionierter Gartenzwerg! Nur nicht knallebunt und ohne das übliche Grinsen. Das äußerst faltige Gesicht zeigte keinerlei Regung. Dafür verstand Adrian jetzt die Worte, die der Zwergwüchsige ohne Unterlass vor sich hin murmelte: „Du bist nicht schön, musst es nicht sein. Bescheidenheit ziert dich allein. Du bist nicht klug, musst es nicht sein. Bescheidenheit ziert dich allein. Du bist nicht stark, musst es nicht sein. Bescheidenheit ziert dich allein …“ Wen meinte der Zwerg damit?, rätselte Adrian. Das Männchen war derart mickrig – eigentlich gab es keinen Grund mehr für dieses ungute Gefühl, das er in seiner Gegenwart verspürte. Aber seit dem Moment, als der Zwerg aus dem Schlupf getreten war, spielte sich ein merkwürdiges Schauspiel ab: Es sah aus, als ob sich die Worte aus seinem Mund in rötlichen Dunst verwandelten, der nach oben stieg. Ohne dass ein Nachtwind ihn getrieben hätte, kroch er an den Fassaden entlang, an denen der Zwerg nun vorüberging. Er nebelte ein Haus nach dem anderen ein. Grundstück für Grundstück zog er weiter. Und keines ließ er so zurück, wie es ursprünglich gewesen war. Adrian hätte es nicht beschreiben können, was sich an den Gebäuden veränderte. Aber es kam ihm so vor, als duckten sie sich. Als zögen sie den Kopf ein. Als machten sie sich klein. Stuckornamente, die zuvor prall vom Wohlstand der Besitzer gekündet hatten, wirkten danach schlaff und lieblos an die Fassade gepappt. Prächtige Eingänge, die bis eben einladend gewesen waren, erschienen mit einem Mal steinern kalt und abweisend. Im Schlepptau des Zwerges verwandelte sich die Straße in etwas unaussprechlich Trauriges – als wäre alle Freude aus den Häusern gewichen. Und das Schlimmste: Die Straße, die der Zwerg entlangging, führte geradewegs auf die Schwanen-Apotheke zu.
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